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Sozialraumorientierte Gesundheitsförderung

Gesundheit im Setting Stadtteil fördern: Setting-Ansatz, Empowerment, Partizipation

Ein zentrales Ziel unserer Arbeit ist die Stärkung von Gesundheitsressourcen und Gesundheitspotentialen von Menschen und sie dazu zu befähigen ihr größtmögliches Gesundheitspotential zu ermöglichen. Hierfür ist die Schaffung gesundheitsförderlicher Lebensbedingungen notwendig, die wiederum auf ein gesundheitsorientiertes Verhalten von Menschen abzielen. Der Stadtteil als räumliches Setting bietet hierbei ideale Möglichkeiten, die Rahmenbedingungen für Gesundheit  bzw. „die Verhältnisse“ positiv zu verändern. Gleichzeitig liegt eine weitere Bedeutung im Setting-Ansatz der Gesundheitsförderung darin als geeigneter Zugangsweg zu fungieren auch sozial benachteiligte Bevölkerungsgruppen zu erreichen, die höheren gesundheitlichen Belastungen ausgesetzt sind. Somit tragen Setting-Interventionen auf Stadtteilebene zur Herstellung gesundheitlicher Chancengleichheit bei. Da in Stadtteilen mit besonderem Entwicklungsbedarf überdurchschnittlich viele sozial benachteiligte Menschen leben, ist es wahrscheinlicher, dass Interventionen in diesem Setting auch mehr Menschen mit diesem sozialen Hintergrund  erreichen.


Um Stadtteilentwicklung und Gesundheitsförderung in Stadtteilen mit besonderem Entwicklungsbedarf stärker miteinander zu verknüpfen wurde 2012 das Projekt „Quartiersfonds Gesundheit“  in Kooperation mit der AOK PLUS auf den Weg gebracht.
Ziel des Projektes war es die gesundheitsfördernde Strukturentwicklung in 3 Modellquartieren in Thüringen zu unterstützen. Hierfür wurde von der AOK PLUS ein Fonds von 2500 Euro für jedes Quartier zur Verfügung gestellt. Monetäre Fonds bieten Anreiz und Motivation für Beteiligung von Bürgern und lokalen Stadtteilakteuren. Hierdurch kann Empowerment stattfinden. Welche gesundheitlichen Probleme gibt es im Quartier und was sind bedarfsgerechte Lösungen? Mit Hilfe des Fonds konnten Maßnahmen und Projekte zur Förderung der Gesundheit umgesetzt werden, die den Förderkriterien des Leitfadens Prävention zur Umsetzung des § 20 SGB V entsprechen. 
Voraussetzung für die beteiligten Quartiere war ein klares Bekenntnis zur gesundheitsfördernden Stadtteilentwicklung sowie die Entwicklung eines gesundheitsförderlichen Konzepts. Erster Ansprechpartner für die Umsetzung des Projekts war das Quartiersmanagement im Rahmen des Programms „Soziale Stadt“. Um möglichst viele Partner im Stadtteil zu erreichen wurde der Fonds an ein bestehendes oder neu etabliertes Gremium angegliedert. Die Umsetzung des Projekts wurde durch die AGETHUR begleitet. Enge Zusammenarbeit erfolgte bei der Erarbeitung des Konzepts. Dieses ist ein wichtiges Instrument die gesundheitsfördernde Stadtteilentwicklung systematisch voran zu bringen.


Umsetzung in den Quartieren:
Durch dieses Projekt konnten die Stadtteile Gera-Bieblach, Weimar Schöndorf und Sömmerda Salzmannstraße/Neue Zeit in der gesundheitsförderlichen Quartiersentwicklung unterstützt und gefördert werden.

Gera-Bieblach:
In Gera-Bieblach, wurde das Thema „Gesundheit und Gesundheitsförderung“ Bestandteil der Beratungen in den Stadtteilgremien und im Netzwerk „Jugend“. Handlungsbedarf wird hier vor allem darin gesehen Bewohner zu motivieren die Bewegungsangebote im Stadtteil besser zu nutzen. Zwar verfügt Bieblach über viele Projekte und Initiativen, die die Bewegung im Stadtteil fördern allerdings werden diese Angebote nicht ausreichend wahrgenommen. Dementsprechend wurde sich das Ziel gesetzt über den Quartiersfond diese Angebote in der Öffentlichkeitsarbeit stärker zu bewerben und die Bewohner für die Bedeutung und den Nutzen von Bewegung stärker zu sensibilisieren. Hierfür werden Stadtteilzeitung, individuelle Gespräche und Elternabende in den Einrichtungen genutzt. Ein Maskottchen namens City-Maus wird u.a. dafür eingesetzt die Angebote zu bewerben und zu popularisieren. 2014 soll ein Wegweiser für Sport- und Bewegungsangebote erstellt werden, um Bewohnern einen gezielten Überblick über Angebote im Stadtteil zu geben und für diese zu werben.
Weiterhin soll die Öffentlichkeitsarbeit um  attraktive Bewegungsangebote ergänzt werden. Hierzu gehört insbesondere ein Bewegungsangebot Mädchen, denn es wurde festgestellt, dass es gerade für diese Zielgruppe wenig sozialraumnahe und attraktive Angebote gibt.

Sömmerda Salzmannstraße/Neue Zeit:

Der Schwerpunkt in Sömmerda liegt in der Förderung der Gesundheit von Kindern im Allgemeinen sowie von Kindern aus sozial benachteiligten Familien im Besonderen. Zwar gibt es in Sömmerda bisher keinen Gesundheitsbericht, jedoch wird von den Experten vor Ort in der täglichen Arbeit mit Kindern und Jugendlichen festgestellt, dass immer mehr Kinder und Jugendliche an gesundheitlichen Belastungen leiden und das Risikoverhalten steigt. Insbesondere ist ein Anstieg in der Häufigkeit des Vorkommens von  Übergewicht, Experimentieren mit Zigaretten und Alkohol, psychosomatischen Störungen, chronischen Krankheiten und psychischen Auffälligkeiten zu erkennen.
Gelder aus dem Quartiersfonds werden hier vom Runden Tisch sozialer Netzwerkträger, bestehend aus Stadtteil- und Kommunalakteuren, vergeben und können für Projekte im Bereich Bewegung, Ernährung, Stressbewältigung und Stärkung von Lebenskompetenzen genutzt werden.
Im Rahmen des Projekts informiert das Quartiersmanagement zu Themen wie gesunde Ernährung und Bewegung an Elternabenden in Kindertageseinrichtungen und Schulen im Stadtteil. Weiterhin konnte das Projekt „Kochen mit Jugendlichen unter Einbeziehung einer angelegten Kräuterspirale“  finanziell unterstützt werden. 2014 werden durch den Quartiersfonds Multiplikatorenschulungen für MitarbeiterInnen sozialräumlicher Einrichtungen angeboten, um gesundheitsförderliche Themen besser in der täglichen Arbeit mit Kindern und Familien aufgreifen zu können.

Weimar Schöndorf Waldstadt
In Weimar Schöndorf Waldstadt wurde der Quartiersfonds an den Ortschaftsrat angegliedert. Aktivitäten im Rahmen des Quartiersfonds werden hier vor allem genutzt, um attraktive Bewegungs-, Ernährungs- und Entspannungsangebote zu initiieren und Kinder aus sozial benachteiligten Lebenslagen daran teilhaben zu lassen. Hierzu gehören die Ernährungsprojekte „Vitaminparty“ , „Wir kochen selbst“  und „Hobbyküche – Fast Food versus Slow Food“, die sich an Kinder aus dem Stadtteil im Alter von 5-12 Jahren richten. In den Ernährungsprojekten stehen sowohl die Vermittlung von  Kompetenzen im Bereich Einkauf und Zubereitung im Vordergrund als auch Sensibilisierung für Themen wie Nachhaltigkeit, Auswirkung von ungesunder Ernährung auf den Körper sowie Kinderlebensmittel und deren Nutzen. Weiterhin startete im Januar 2014 das Projekt Bewegung mit Köpfchen, welches ebenfalls aus den Quartiersfonds bezuschusst wurde. Dieses Bewegungsförderungsangebot richtet sich an Kinder und Jugendliche mit Defiziten im sozialen – emotionalen sowie kognitiven und koordinativen Bereich. Dabei stehen neben der Vermittlung von motorischen Fähigkeiten, auch das soziale Miteinander und der angemessene Ausdruck von Emotionen andern gegenüber im Vordergrund.

Fazit:
Kassengetragene Mikrofinanzierungen sind in Verbindung mit einer Prozessbegleitung geeignet um Gesundheitsförderung in der Stadtteilentwicklung anzustoßen. Der Bedarf an Maßnahmen in den Quartieren geht jedoch weit über den zur Verfügung gestellten Rahmen des Fonds hinaus. Eine große Schwierigkeit lag in der Vereinbarung von Maßnahmen zur Förderung der Gesundheit mit den Förderkriterien des Leitfadens Prävention zur Umsetzung des § 20 SGB V. Sensibilisierung und Konzepterarbeitung mit den Stadtteilakteuren erfolgte auf Grundlage eines umfassenden Verständnisses von Gesundheit. Dass, durch den Fonds aber nur Projekte unterstützt werden konnten, die den Leitfadenkriterien entsprechen, war für die beteiligten Akteure nicht immer nachvollziehbar.

 

Referenzen:
1.    Janella M. Segregation, Konzentration, Polarisierung – sozialräumliche Entwicklung in deutschen Städten 2007 – 2009. Rezension des Difu-Impulspapiers. Gesundheit Berlin-Brandenburg. 2013
2.    Lampert T. et al. Sozioökonomischer Status und Gesundheit. Ergebnisse zur Gesundheit erwachsener in Deutschland (DEGS 1). Bundesgesundheitsbl. 2013

Ansprechpartnerin

Kerstin Marx